Ist deine Beziehung nährend?

Ist dir bewusst, liebe MindMate, dass sich dein (negatives) Selbstbild in deiner Beziehung spiegeln kann?

Möglicherweise protestierst du gerade innerlich und sagst: „Das trifft auf mich nicht zu, mein Partner ist ganz toll. Ich, bzw. meine Abhängigkeit und deren Folgen, sind unser einziges Problem.“ Diesen Satz habe ich schon sehr oft gehört. Mittlerweile teile ich „ganz tolle“ Partner ich in zwei Typen ein. Selbstverständlich ist das meine persönliche Einteilung, die auf meinen Erlebnissen beruht. Und es gibt natürlich auch „Mischtypen“.

Doch vielleicht können dir meine Beobachtungen und Erlebnisse ja helfen, deine Beziehung und dich selbst besser zu verstehen:

Beziehung vs. Abhängigkeit

Generell glauben viele MindMates (unbewusst), dass sie ohne eine Beziehung nichts wert seien. Und deshalb befinden sie sich eigentlich immer in einer Beziehung, doch selten in einer Langzeitbeziehung. Wird eine Beziehung beendet, dann ist entweder der nächste Partner bereits vorhanden oder er taucht sehr schnell auf. Und dann scheint erst mal alles ganz toll zu laufen.

Die MindMate gibt sich allergrößte Mühe, so zu sein, wie sie glaubt, dass der Partner sie haben möchte. Dafür bekommt sie von ihm Komplimente und Anerkennung. Tolle Beziehung, oder? Das Problem an diesen Beziehungen ist, dass sie auf Abhängigkeiten basieren: Sie verbiegt sich, er himmelt sie dafür an. Doch wenn die Beziehung intensiver wird, man sich besser kennenlernt, vielleicht sogar zusammen zieht, fallen die Masken.

Die Komplimente lassen nach und die MindMate strengt sich noch mehr an. An diesem Punkt gibt es Partner, die diese Anstrengung als immer unangenehmer und langweilig empfinden und denen die MindMate geradezu lästig wird. Deshalb trennen sie sich.

Die MindMate hat jetzt zwei Möglichkeiten: Um den Trennungsschmerz zu vermeiden, stürzt sie sich in die nächste Beziehung und nimmt sich vor, sich noch mehr anzustrengen. Und ich orakele mal, dass sie sich spätestens in einigen Jahren in derselben Situation wiederfinden wird. Oder sie stellt sich dem Trennungsschmerz und erkennt, dass das Verbiegen und Anstrengen für die Trennung verantwortlich ist und nicht sie selbst.

Typ 1: Die Beziehung mit dem Manipulator

Es gibt aber auch Partner, die sich quasi vom Verbiegen und Anstrengen der MindMate ernähren. Sie fühlen sich dadurch groß und wichtig. Doch eigentlich geht es hier um Machtspiele und Manipulation. Den Manipulator erkläre ich mal an einem echten Beispiel: Eine MindMate, nennen wir sie Lea, hatte bereits an meinem Selbsthilfeprogramm teilgenommen und diverse Therapien hinter sich. Als sich ihr Ehemann aus den oben genannten Gründen von ihr trennte, fand sie schnell einen neuen Partner. Und während dieser Beziehung buchte sie wegen ihrer „Essstörungsreste“ Telefon-Mentorings bei mir.

In den ersten Gesprächen spielte die Beziehung keine Rolle. Lea stellte ihren Partner als „ganz toll“ im Sinne von sehr klar, spirituell und gesund und somit sehr unterstützend für ihren SelbstErlebnisWeg dar. Doch als ich begann nach der Beziehung, bzw. dem Partner, zu fragen, ergab sich ein ganz anderes Bild: Er rauchte, und zwar nicht nur Zigaretten, trank regelmäßig zu viel Alkohol und ging keiner geregelten Arbeit nach. Er überließ Lea die Hausarbeit, machte die Nacht oft zum Tag, war ausgesprochen offen für diverse Verschwörungstheorien und hielt sich insgeheim für die Reinkarnation von niemandem Geringerem als Jesus.

Während der folgenden Telefonate begann ich Lea behutsam zu spiegeln, dass ihr Partner nicht unbedingt dem „ganz tollen“ Bild entsprach, das sie von ihm hatte und das er eifrig nähre. Er kontrollierte und manipulierte sie und verkaufte ihr das als Fürsorge. So verlangte er beispielsweise von ihr, eine bestimmte Fortbildung bei ihm zu machen. Denn er war selbstverständlich der Allerbeste auf diesem Gebiet. Doch Lea zweifelte innerlich. Und das führte dazu, dass sie diese Fortbildung heimlich online bei einer anderen Person machte und sich deshalb schlecht fühlte. Solche Situationen nährten ihr negatives Selbstbild und somit auch ihre Essproblematik.

Gerät der Manipulator unter Druck, macht er Druck

Je realistischer Lea ihre Beziehung sehen konnte, desto mehr stellte sie ihn infrage und umso häufiger gab es Konflikte. Und so tat er, was Manipulatoren unter Druck oft tun: Er suchte Verbündete, um gemeinsam noch mehr Druck auf Lea ausüben zu können. Und seine Wahl fiel auch auf mich. Eines Sonntagmorgens fand ich drei E-Mails in meinem Postfach, die er nachts verfasst hatte. Während er mich in der ersten Mail höflich siezte, waren wir in der zweiten bereits beim vertraulichen „du“ und in der dritten quasi im Geiste vereint. Gut, dass ich um seinen nächtlichen Konsum wusste.

Doch entgegen seiner Erwartung verbündete ich mich nicht mit ihm, um Lea den rechten Weg zu weisen. Denn diesbezüglich gingen unsere Vorstellungen sehr weit auseinander. Am Montagmorgen antwortete ich ihm per Mail sinngemäß so: „Sehr geehrter Herr XY, sicher haben Sie Verständnis dafür, dass ich ohne vorherige Absprache nicht mit Dritten in den Austausch gehe.“

Diese Absage grenzte für ihn wahrscheinlich an Gotteslästerung. Und nachdem er zunächst Verständnis geheuchelt hatte, wechselte er nach einiger Zeit die Taktik und begann mich per Mail zu bedrohen. Darauf reagierte ich nicht und arbeitete weiter mit ihr. Und dann versuchte er, mich beim Verbraucherschutz und Gott weiß wo anzuschwärzen. Als auch das nicht funktionierte und ich nicht reagierte, gab er auf.

Und mit der Zeit verließ die Essproblematik Lea und Lea verließ ihn.

Beziehung mit einem offensichtlichen Manipulator?!?

Vielleicht fragst du dich gerade, wie Lea sich diesen extremen Typ als „ganz toll“ verkaufen konnte. Die verkürzte und vereinfachte Antwort ist, dass Lea eine extreme Kindheit durchlebt hat und „extrem“ dadurch „normal“ im Sinne von „vertraut“ für sie war. Und seine „Besonderheiten“ offenbarten sich ihr ja auch nicht alle zu Beginn der Beziehung, sondern Stück für Stück. Jedes Mal, wenn sich sein Verhalten für sie komisch oder falsch anfühlte, zweifelte sie an ihrem Gefühl und nicht an ihm. Und er bestärkte sie darin. Denn je unsicherer und abhängiger sie war, desto mächtiger fühlte er sich durch diese sogenannte Beziehung.

Es gibt leider auch immer wieder „Hilfsangebote“, die ähnlich funktionieren. Ich habe kürzlich die Doku „Escaping Twin Flames“ auf Netflix gesehen. Der Gründer dieses Netzwerks, in dem einsamen Menschen der Seelenpartner versprochen wird,  hält sich übrigens auch für eine Reinkarnation von Jesus.

Typ 2: Die Beziehung mit dem Mitläufer

Das Schwierige am Mitläufer ist, dass er tatsächlich nett ist, schrecklich nett. Er ist der typische Co-Abhängige. Also ein Partner, der einer abhängigen Person die Abhängigkeit erträglicher macht. Mitläufer zeigen oft jahrzehntelange Geduld, ertragen die Abhängigkeit und sämtliche Konsequenzen meist stoisch, hoffen Ewigkeiten auf ein Wunder, meckern manchmal, ziehen aber keinerlei Konsequenzen, und dienen oft als Blitzableiter.

Das typische Beispiel für eine Mitläuferin ist die Ehefrau eines Alkoholikers, die den Alltag managt, den Alkoholiker entschuldigt, sein Verhalten relativiert, duldet, dass er viel Geld in Kneipen trägt und auch mal für ihn lügt. Zwar meckert sie manchmal hinter verschlossenen Türen, doch sie setzt dem Alkoholiker nie wirklich eine Grenze und verlangt auch nicht von ihm, Verantwortung für seine Abhängigkeit zu übernehmen.

Das Dramatische an der Beziehung mit einem Mitläufer ist, dass auf beiden Seiten so viel Lebenszeit verschwendet wird. Denn die Beziehung mit einem Mitläufer ist meistens eine Langzeitbeziehung. Und auch hierzu habe ich ein Beispiel:

Jahrelang meldete sich immer mal wieder eine MindMate, wir nennen sie Ines, bei mir. Mittlerweile ist Ines über 60 Jahre alt und die Bulimie begleitet sie schon seit mehr als 35 Jahren.

Ines hat schon unzählige, unterschiedlichste (Therapie)Versuche unternommen, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Und immer wieder hat sie abgebrochen. Jedes Mal, wenn sie an den Punkt gelangt, an dem aus der theoretischen Erkenntnis auch praktische Veränderung werden sollte, macht sie einen Rückzieher. Und sie hat unzählige Ausreden. Warum? Weil sie es kann.

Gerät der Mitläufer unter Druck, unterdrückt er ihn

Der Partner von Ines erträgt die Abhängigkeit seit Jahrzehnten. Während er sich in seinen Job flüchtet und auf ein Wunder hofft, ermöglicht und finanziert er ihr eine „komfortable Abhängigkeit“. Und keinem von beiden geht es wirklich gut in dieser Beziehung. Mitläufer kennen Abhängigkeit oft aus ihrer Ursprungsfamilie. Dort haben sie erlebt, dass sie nicht einfach gehen können und dass sie aktiv nichts gegen die Abhängigkeit machen können. Und das wiederholen sie in ihrer Partnerschaft. Doch als Erwachsener kann man gehen. Oder die Partnerin mit ihrer Abhängigkeit und den Konsequenzen konfrontieren und verlangen, dass die Partnerin Verantwortung übernimmt.

Als Ines sich das letzte Mal bei mir meldete, teilte ich ihr mit, dass ich  erneut mit ihr arbeiten würde, allerdings nur, wenn ihr Partner aktiv an dieser Zusammenarbeit beteiligt werden würde. Seit dem habe ich nichts mehr von ihr gehört.

Manipulator vs. Mitläufer

Ist eine MindMate auf ihrem SelbstErlebnisWeg, wird ihr Leid durch den erhöhten Druck des Manipulators und durch das Bewusstwerden seines manipulativen Verhaltens immer größer. Dieser erhöhte Leidensdruck führt irgendwann dazu, dass diese MindMate ihre theoretischen Erkenntnisse immer konsequenter in der Praxis anwendet und somit gesünder und unabhängiger wird. Meistens endet es damit, dass die MindMate – häufig zum ersten Mal in ihrem Leben – die Beziehung beendet.

Hat sie stattdessen einen Mitläufer an ihrer Seite, geht sie oft zwei Schritte nach vorn und dann wieder zwei zurück. Denn durch den passiven Mitläufer bleibt ihr Leid erträglich. Bildlich gesprochen gräbt sie sich regelrecht ein Loch, aus dem das Herauskommen immer schwieriger wird: Ist das Leid groß, wendet sie die verstandene Theorie an, bis es ihr etwas besser geht. Dann fällt sie in alte Verhaltensweisen zurück, bis das Leid wieder groß ist. Für solche MindMates ist es entscheidend, irgendwann den einen Schritt mehr zu gehen, um aus dem Loch zu kommen. Dann könnten sie ihren SelbstErlebnisWeg gehen. Häufig sogar, ohne die Beziehung zu beenden.

Gemeinsam den eigenen Weg gehen

Wie die hilfreiche Einbeziehung des Partners aussehen kann, habe ich in diesem Beispiel erlebt. Eine MindMate, nenne wir sie Mona, meldete sich per Mail bei mir und fragte nach dem Telefon-Mentoring. Auch sie hatte vor einiger Zeit an meinem Selbsthilfeprogramm teilgenommen. Und sie hatte diverse Therapien hinter sich. Doch ihre Partnerin wies sie immer wieder darauf hin, dass noch eine „Restessstörung“ vorhanden sei. Und Mona bestätigte das. Sowohl sie als auch ihre Partnerin waren zu einer Zusammenarbeit bereit. Und deshalb führte ich auch ein Gespräch mit der Partnerin.

Mona schilderte mir, dass sie sich häufig von der Partnerin unter Druck gesetzt fühle, wenn diese sie beim gemeinsamen Mittagessen beispielsweise fragt, warum sie nur den Salat und nicht die Nudeln esse. Mona interpretierte: „Sie will, dass ich die Nudeln esse.“  Als ich dann mit der Partnerin die gemeinsamen Essen ansprach, sagte die Partnerin dazu: „Mona glaubt, dass ich will, dass sie die Nudeln ist. Doch ich wünsche mir, dass sie ehrlich ist und beispielsweise sagt, dass sie sich nicht traut, die Nudeln zu essen, weil sie mehr Kalorienn als der Salat haben.“

Diese Partnerin wünschte sich Offenheit und Ehrlichkeit. Sie wollte nicht anstelle von Monas Kopf die Kontrolle über Monas Essen übernehmen. Und sie verlangte auch nicht, dass die Essstörungsreste sofort verschwanden. Sondern sie hatte verstanden, dass Mona Verantwortung übernehmen und – vor allem sich selbst gegenüber – ehrlicher werden musste, um die Essstörung komplett hinter sich lassen zu können. Sie wusste das, weil sie selbst auf ihrem SelbstErlebnisWeg war. Und diese beiden können ihren Weg jetzt gemeinsam gehen und eine nährende Beziehung leben.

Was ist eine nährende Beziehung?

Wollen wir eine nährende Beziehung mit einer anderen Person haben, müssen wir uns selbst gut nähren können. Denn kenne und achte ich meine Grenzen und Bedürfnisse, sorgt das dafür, dass andere es auch tun. Und tun andere das nicht, kann ich Konsequenzen daraus ziehen. Wir Menschen sind soziale Wesen, die generell Beziehungen zu anderen Menschen brauchen. Doch als Erwachsene können wir uns diese anderen Menschen aussuchen.  Das betrifft nicht nur die Beziehung in einer Partnerschaft, sondern alle unsere Beziehungen.

Ob wir in einer partnerschaftlichen Beziehung sind oder nicht, sagt nichts über unseren Wert aus. Und vielen MindMates tut es sehr gut, für eine Weile ohne Partner(in) zu sein um sich ganz auf die Beziehung zu sich selbst konzentrieren zu können.

Und ja, manchmal begegnen wir Menschen, mit denen wir nicht gut klarkommen, aber irgendwie klarkommen müssen. Das ist für viele MindMates im Job der Fall. Dann gilt es ehrlich hinzuschauen und zu verstehen, warum wir mit dieser Person keine gute Beziehung haben. Was ist unser Anteil daran? Können wir unsere Einstellung und/oder unser Verhalten ändern? Oder braucht es dieser Person gegenüber klarere Grenzen? Und ab und zu ist vielleicht auch ein Beziehungsabbruch nötig. Um das herauszufinden, kann dir mein Mind Detox Mirror helfen.

Mind your relationships.

Deine MindMuse

P.S.: Wenn du sehr in deiner Beziehung leidest und trotzdem nicht herauskommst, oder wenn du sehr unter deiner Beziehungslosigkeit leidest, lass dich bitte professionell von einer Therapeutin begleiten und/oder suche dir eine Selbsthilfegruppe. Das gilt natürlich auch, wenn du eine Essstörung hast. Achte auch hier darauf, dass diese Beziehung wirklich nährend für dich ist. Und falls du Interesse hast, findest du hier meinen Blogpost zum Thema Therapieerfahrung.