Futter für die Seele: Gibt es
Alternativen zu Göttern und Gurus?
Kürzlich habe ich die amerikanische Western-Drama-Serie “1923” geschaut. Sie spielt zu Zeiten der großen Depression auf einer Ranch in Montana. In der Serie geht es auch darum, wie damals mit der indigenen Bevölkerung umgegangen wurde.
Ein Handlungsstrang dreht sich um ein Mädchen, das – wie viele Indigene – vom Staat aus der Familie genommen und in ein sogenanntes “Indianer-Internat” gesteckt wurde. Dort durften die Mädchen weder ihre Kleidung noch ihren Namen tragen. Sie sollten durch Christianisierung “gerettet” und in die europäisch geprägte Gesellschaft integriert werden, als dienende Hausmädchen natürlich.
Häufig wurden diese Schulen vom Staat finanziert und von der Kirche geführt. Nonnen unterrichteten und beaufsichtigten, ein Priester war die oberste Instanz. Es war schwer zu verdauen, wie diese Mädchen gezüchtigt und gedemütigt wurden. Zumal die Brutalität, die auf der Tagesordnung stand, historisch belegt ist.
Wie üblich erfolgte der (Macht)Missbrauch “von oben nach unten”: Die Nonnen misshandelten die Mädchen und der Priester misshandelte die Nonnen und die Mädchen. All das passierte unter dem Deckmantel der Kirche und im Namen des Allmächtigen.
Geschlossene Systeme
“What happens in Vegas, stays in Vegas”, scheint auch heute noch für viele Glaubensgemeinschaften zu gelten. Was innerhalb der Gemeinde passiert, hat auch innerhalb der Gemeinde zu bleiben. Ein in sich geschlossenes System, das Isolation schafft und Missbrauch ermöglicht.
Beispielsweise folge ich via YouTube einer Amerikanerin, die sich als “Ex-Mormonin” beschreibt. Jahrelang wurde sie von ihrem Mann misshandelt und betrogen. Er hatte auch “außereheliche Beziehungen” mit Minderjährigen. Diese Frau, die innerhalb der mormonischen Kirche aufgewachsen war, wandte sich verzweifelt an ihren Bischof.
Es wurde eine Art Eheberatung einberufen, der Gatte mutierte zum reuigen Sünder – und wurde als heimgekehrter Sohn gefeiert. Anzeigen wegen Missbrauchs? Unterstützung für die Opfer? Nein, dem Staat und seinen Institutionen ist nicht zu trauen. Und schließlich ist Gott der höchste aller Richter. A(LL)MEN.
Die Kehrseite von Religionen
Diese beiden konkreten Beispiele sind zwar aus dem Christentum, lassen sich aber auf andere Religionen und Glaubensgemeinschaften übertragen und basieren grundsätzlich auf demselben patriarchalen System:
Um Frauen angeblich zu retten und/oder zu beschützen, werden sie entrechtet, eingesperrt, unterdrückt und/oder misshandelt.
Und was sagen deutsche Christ-Fluencerinnen? “Suche dir den richtigen Mann, der es wert ist, dass du dich ihm für den Rest deines Lebens unterordnest.” Mädchen und junge Frauen sollen unbedingt heiraten und Kinder bekommen. Hierzu müssen sie sich lediglich vorab “richtig” entscheiden. Tun sie das nicht, sind sie selbst schuld. Das ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr.
(M)ein Kritikpunkt
Wer es bis hierhin noch nicht gemerkt hat: Ich stehe Religionen und Kirchen kritisch gegenüber. Oder anders gesagt:
Ich finde es moralisch höchst fragwürdig, dass und wie Menschen (Macht)Missbrauch im Namen einer höheren Instanz – für deren Existenz es keinerlei Beweise gibt – rechtfertigen.
Je extremer in einer Religion, Sekte oder Glaubensgemeinschaft gelebt wird, desto größer ist die Gefahr, die von dieser ausgehen kann. Vor allem für Frauen und Kinder.
Und selbstverständlich bin ich mir der Tatsache bewusst, dass es viele positive Erfahrungen gibt, die Menschen in Verbindung mit Religion, Kirche und Glauben gemacht haben und machen.
Warum gibt es Religionen?
Wir Menschen haben das Bedürfnis nach Erklärungen, Orientierungen, Gemeinschaft und Sinn. Aus diesem Verlangen heraus hat fast jede Kultur eine eigene Religion entwickelt.
Problematisch daran sind sowohl die Unterdrückung und Misshandlung innerhalb von Religionen als auch der Kampf unterschiedlicher Glaubensrichtungen gegeneinander. “Weil mein Gott der einzig wahre ist, habe ich das Recht, dich umzubringen. Es sei denn, du konvertierst.”
Gibt es bessere Alternativen?
Während bei uns – genau wie in den USA – einerseits eine christliche Radikalisierung zu beobachten ist, sinkt gleichzeitig die Religionszugehörigkeit der Bevölkerung. Viele Menschen wenden sich eher der Spiritualität zu.
Sie ist als persönliche Suche nach Bedeutung, Verbundenheit und etwas, das über das Materielle hinausgeht – beispielsweise durch Religion, Natur, Mitgefühl, Stille oder das Bedürfnis, Teil von etwas Größerem zu sein – zu definieren.
Grundsätzlich ist Spiritualität persönlicher und freier. Denn sie kann auch ohne feste Regeln oder Zugehörigkeit gelebt werden.
Und doch gibt es auch hier ähnliche Systeme und somit auch (Macht)Missbrauch. Was in den Kirchen “im Namen Gottes” passiert, passiert in spirituellen Systemen häufig “im Namen eines Gurus”.
Sinn oder Selbstbetrug?
Vor allem die Esoterik empfinde ich als fragwürdig. Der Begriff leitet sich vom griechischen esōterikos (“innerlich”, “nur für Eingeweihte”) ab. Unter den Begriff Esoterik fällt ein breites Spektrum an Weltanschauungen, Lehren und Praktiken, die sich mit verborgenen, übernatürlichen und/oder spirituellen Kräften und Erkenntnissen beschäftigen.
Hierzu zählen beispielsweise die Astrologie, das Manifestieren, die Energiearbeit, das Handlesen, die Alchemie, der Schamanismus usw. Auch für all diese Techniken gibt es keinerlei wissenschaftliche Beweise.
Was allerdings funktioniert, ist eine Kombination aus selbsterfüllender Prophezeiung und dem Placebo-Effekt. Mit anderen Worten: Geben wir den Tarotkarten eine Bedeutung und fühlen uns deshalb gut damit, hat das, ähnlich wie der Glaube an eine höhere Instanz, eine positive – weil beruhigende – Wirkung auf unser Nervensystem.
Dadurch fühlen wir uns entspannter und sicherer. Dieser Effekt liegt aber an der Bedeutung, die wir den Karten geben, und nicht an den Tarotkarten an sich.
Differenziertes Denken
Je nach Definition werden auch Meditationspraktiken als esoterisch bezeichnet. Doch dass Meditation eine positive Wirkung auf uns haben kann, ist wissenschaftlich bewiesen. Das liegt an dem Einfluss, den das bewusste Lenken des Atems – als Teil der Meditationspraxis – auf unser Nervensystem hat, und nicht an irgendeiner Form von geheimem Wissen.
Wie immer gilt also, differenziert hinzuschauen:
Funktioniert die Methode selbst oder lediglich der Glaube daran?
Nur wenn eine Methode unabhängig vom Glauben funktioniert, liegt die Wirkung in ihr begründet.
Suche und Sucht
Der Wunsch nach Sicherheit und Sinn ist in unsicheren Zeiten, in denen vieles sinnlos erscheint, besonders groß.
Dementsprechend sind Menschen, die unglücklich, unsicher und unzufrieden sind, überdurchschnittlich gefährdet, sich in ungesunden Gemeinschaften – oder unsinnigen Praktiken – wiederzufinden.
Genauso logisch ist, dass ungesunde (Glaubens)Gemeinschaften überdurchschnittlich viele MindMates mit psychosomatischen Symptomen wie Essstörungen hervorbringen. Manchmal ist es ein streng katholisches Elternhaus, ein anderes Mal das Aufwachsen unter den Zeugen Jehovas. Schuld, Angst, Scham und Druck spielen dabei immer eine große Rolle.
Es wird verlangt, die eigenen Grenzen und Bedürfnisse im Namen einer höheren Instanz einem (Gemeinschafts)System unterzuordnen, um später nicht in der Hölle zu schmoren. Und genau diese internalisierte Unterdrückung und Unterordnung ist später Nahrung für Essstörungen.
Spirituelle Selbsthilfe
Doch wie können wir dieses Bedürfnis nach seelischer Nahrung auf eine gesunde Art stillen, ohne uns dabei über oder unter andere Menschen zu stellen?
Ungefähr zu der Zeit, als ich in die Essstörung rutschte, ging mir mein ursprünglicher Glaube verloren. In mir kollidierten die Religion mit der Wissenschaft, der Logik, der Gerechtigkeit und dem Feminismus.
Auch erlebte ich die Menschen, die sich als gläubig bezeichneten, häufig als besonders scheinheilig. Sie strahlten einerseits eine gewisse Arroganz aus: “Weil ich sehr gläubig bin, habe ich grundsätzlich die richtigen Ansichten.” Andererseits waren sie häufig mehr auf Materielles und Macht aus, als die weniger Gläubigen.
Doch dadurch ging mir auch ein Grundgefühl von Sinn und Sicherheit verloren, das ich bis dahin gehabt hatte.
Die anonymen Esssüchtigen (OA)
Als ich begann, mich mit der Essstörung auseinanderzusetzen und u. a. zu den Meetings der Anonymen Esssüchtigen zu gehen, wurde ich wieder bewusst mit einer Glaubensform konfrontiert. Doch das 12-Schritte-Programm sprach von einer ‘höheren Macht’ und war damit eher spirituell als christlich.
Im zweiten und dritten Schritt der OA hieß es sinngemäß: “Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Kraft, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Deshalb entscheiden wir uns, unseren Willen und unser Leben dieser Kraft zu überlassen.”
Die aktuelle Formulierung auf der deutschen Website ist anders und es ist fast ausschließlich von Gott die Rede. Möglicherweise ist OA heute also christlicher geprägt, als damals.
Wenn ich diese Schritte heute lese und mich an das erinnere, was mir einige MindMates über ihre Erfahrungen mit OA erzählt haben, dann erkenne ich auch hier die Gefahren des (Macht)Missbrauchs.
Nur weil etwas auf dem Teller liegt, müssen wir es nicht essen.
Die Meetings haben mir durchaus geholfen, oder – besser gesagt – die Worte und Taten bestimmter Teilnehmerinnen in den Meetings und die Möglichkeit, das Unaussprechliche in einem geschützten Rahmen aussprechen zu können, haben mir geholfen.
Der einzige Schritt, der für mich persönlich wirklich enorm augenöffnend war, war der erste: Wir gaben zu, dass wir dem Essen gegenüber machtlos waren und unser Leben nicht mehr meistern konnten. Darin geht es um keine höhere Macht, sondern um das ehrliche Eingeständnis des totalen Kontrollverlusts.
Das grundsätzliche Prinzip hinter den 12 Schritten lautet: Du kriegst es nicht mehr hin. Also gib deinen Willen und dein Leben ab, damit eine höhere Macht es für dich hinbekommen kann. Und diesen zweiten Teil sehe ich als problematisch an. Denn das Abgeben des Willens und des Lebens kann man auch als totale Auslieferung interpretieren.
Und es gibt immer Menschen, die das (unbewusst) ausnutzen. Das kann beispielsweise ein Sponsor – eine Person, die schon länger im 12-Programm ist – bei OA sein, der dir eintrichtern will, dass du seinem Ernährungsplan – oder seiner Definition einer höheren Macht – folgen musst, um gesund werden zu können.
Grundsätzlich springt mein innerer Bullshit-Detektor an, wenn es um das “Abgeben des Willens und Lebens” und um “Unterordnung” geht. Denn das schmeckt für mich nach einer neuen Form von Abhängigkeit.
Ich habe nie das ganze 12-Schritte-Programm geschluckt. Trotzdem – oder vielleicht deshalb? – habe ich sämtliche Symptome hinter mir lassen können.
Verbundenheit ist meine Religion
Während meines Genesungsprozesses habe ich erfahren, dass es zwei Dinge gibt, die ich tun kann, um mich – auch zwischen den Hochs und Tiefs des Lebens – gut zu fühlen: kreativ sein und/oder alleine in der Natur sein. Beides führt dazu, dass ich automatisch Abstand zu Äußerlichkeiten bekomme und mir gleichzeitig selbst näherkomme.
Die Natur ist der größte Schöpfer auf diesem Planeten.
Und wenn ich selbst kreativ bin, erschaffe ich ebenfalls.
Schöpferische Prozesse können ein (Körper)Gefühl von “Einssein mit mir selbst” entstehen lassen. Und dieses Einssein wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass ich mich mit anderen Lebewesen verbunden fühlen kann.
Die Haltung einer Agnostikerin
Braucht es dazu eine höhere Instanz?
Meine ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht, bzw. das ist Definitionssache.
Was ich allerdings glaube, ist: Dieses Gefühl von Einheit ist unser natürlicher Grundzustand, der uns innerhalb der Systeme, in denen wir aufwuchsen, verloren gegangen ist.
Und wer diesem Grundzustand wieder näherkommt, ist kaum in der Lage, Menschen Dinge anzutun, die viele “Gläubige” “Andersgläubigen” im Namen einer höheren Macht antun.
Argumentiert jemand damit, dass er seine Weisungen direkt von Gott bekommen hat, denke ich:
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht ist das Hören dieser Stimme aber auch nur das Symptom einer Erkrankung.
Solange niemand beweisen kann, was er behauptet, zweifle ich an seinen Worten und messe ihn an seinen Taten.
Denn Götter und Gurus mag es geben – oder auch nicht.
Schöpfung und Einheit gibt es. Und sie nähren.
Welche Geschmacksrichtung wir bevorzugen, liegt an uns selbst.
Mind your gods and gurus.
MindMuse Simone
Alternativen zu Göttern und Gurus?




