Lass uns den Spieß umdrehen:
(M)ein Perspektivwechsel auf psychosomatische Erkrankungen & Co.
Einerseits ist es wichtig, dass psychosomatische Erkrankungen wie Essstörungen erkannt und benannt werden. Vor allem als medizinische und/oder psychologische Behandlungsvoraussetzung. Und auch den Betroffenen selbst kann eine Diagnose als erleichternde Erklärung dienen.
Andererseits können genau diese Labels die Grundproblematik verstärken. Denn eine psychosomatische Diagnose empfinden viele Betroffene als Bestätigung dafür, dass mit ihnen etwas nicht stimmt.
Und ja, psychosomatische Erkrankungen können sehr viel Raum einnehmen, das Leben erschweren, es sogar bedrohen. Auch ist mir bewusst, dass ich als Essgestörte verrückte Sachen gemacht habe. Doch ich selbst war nicht verrückt. Denn das eigentliche Problem ist die Erkrankung – beziehungsweise deren Ursache – und nicht die Person, die erkrankt ist.
Was ist (un)gesund?
Zum ersten Mal habe ich das während meines Aufenthaltes in der Hochgratklinik begriffen. Denn dort bezeichnete man uns, die Gäste (nicht Patientinnen), als “kranke Gesunde”. Das sollte uns bewusst machen, dass unsere Krankheit eine gesunde Reaktion auf eine ungesunde Umgebung ist.
Damals bekam ich eine erste Ahnung dessen, was ich heute zutiefst verinnerlicht habe. Die Essstörung war eine ungesunde Überlebensstrategie, um in einem für mich ungesunden System zu funktionieren.
Heute bin ich so weit, dass ich ganz klar sagen kann: Nicht ich bin das Problem gewesen, sondern die Systeme, in denen ich leben musste, haben – in Kombination mit meiner biologschen Grundaussstattung – die (Ess)Probleme verursacht. Ich war nicht schuld daran.
Und doch war ich die Einzige, die etwas daran ändern konnte. Das mag paradox klingen. Aber diese erste wichtige Erkenntnis des Perspektivwechsels in Bezug auf Ursache und (Selbst)Verantwortung ist die Basis, auf der alles andere steht.
Denn Systeme werden sich nicht für mich ändern. Doch ich kann meine Sicht auf Systeme ändern. Und ich kann sie durch anderes Verhalten beeinflussen. Ein konkretes Beispiel hierfür ist die Scham. Zu Beginn der Bulimie schämte ich mich so sehr für dieses Verhalten, dass die Essstörung ein großes Geheimnis war.
Doch sowohl Scham als auch Heimlichkeiten sind Grundnahrungsmittel für Essstörungen. Mein Verhalten hat dadurch das aufrechterhalten, wofür ich mich schämte und was ich loswerden wollte. Ein echter Teufelskreis, den ich damals nicht sehen konnte.
Im Laufe der Jahre habe ich dann immer mehr begriffen, was Symptom und was Ursache ist und wie ich gesünder damit umgehen kann. Dadurch sind Schuld und Scham in Verbindung mit Selbstvorwürfen und -zweifeln immer kleiner geworden.
Parallel dazu wurde auch die Essstörung immer unbedeutender. Sie verhungerte regelrecht, weil ich ihr immer mehr Nahrung vorenthalten konnte.
(Un)abhängigkeit
Meine logische Konsequenz daraus war, genau das zu tun, was ich früher für unmöglich hielt. Ich habe begonnen, meine Geschichte zu erzählen. Und zwar in einem für mich unkontrollierbaren Raum, dem Internet. Dabei bin ich in meinem Erzählen sehr persönlich.
Das kann ich nur deshalb sein, weil ich mein früheres Ich voll und ganz verstehe. Es gibt nichts mehr, wofür ich mich schäme. Und deshalb kann ich gut damit leben, dass es wahrscheinlich Menschen gibt, die mich, mein (früheres) Verhalten oder auch meine Offenheit, verurteilen.
Doch das ist mir egal. Denn ich weiß, dass es bei diesen Urteilen wenig um mich und viel um die urteilende Person geht. Sie werden mit ihrer eigenen Scham und ihren Geheimnissen konfrontiert. Ich bin lediglich ihr Spiegel, eine Projektionsfläche.
Und dieses Wissen macht mich mental und emotional frei und unabhängig.
Ich erzähle meine Geschichte für diejenigen, denen es hilft, sie zu erfahren. Meine Geschichte kann Hoffnung machen und zu begreifen helfen. Sie kann anderen den Weg in die Unabhängigkeit erleichtern.
Und ich erzähle sie für mich selbst. Diese Form des Ausdrucks entlastet mich in der Gegenwart. Gleichzeitig ist sie auch eine Wiedergutmachung früherer (Selbst)Unterdrückung.
(Bio)logisch
Auch habe ich mit der Zeit immer mehr Labels entdeckt, die auf mich zutreffen (könnten) und die eine weitere Erklärung für mein (früheres) Denken, Fühlen und Handeln und für die Essstörung liefern. Doch ich habe nicht das Bedürfnis nach mehr Diagnose oder Therapie. Weil ich meinen eigenen Weg gefunden habe. Ich erkenne AD(H)S-Züge in mir, genauso wie autistische, überdurchschnittlich intelligente und hochsensible Anteile.
Mittlerweile ist bekannt, dass Hochsensibilität ein “Risikofaktor” für Essstörungen ist. Denn hochsensible Menschen nehmen beispielsweise Reize stärker wahr, haben intensivere Gefühle und eine höhere Stressempfindlichkeit. Hinzu kommen hohe innere Standards, der Hang zu starker Selbstkritik und das entsprechende Bedürfnis, alles richtig zu machen.
Auch gibt es einen komplexen Zusammenhang zwischen AD(H)S und Essstörungen. Dabei gilt es außerdem zu beachten, dass sich AD(H)S bei Frauen anders als bei Männern äußern kann. Gerade die Hyperaktivität scheint sich bei Frauen eher innerlich zu zeigen. Beispielsweise durch ständig aktives Denken oder Grübeln, mentale Überforderung wegen parallellaufender Gedanken, und einer permanenten, inneren Anspannung, einem inneren Druck.
Menschen im Autismus-Spektrum haben ebenfalls ein höheres Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, als neurotypische Menschen. Denn sie haben häufig ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersehbarkeit, neigen zu Schwarz-Weiß-Denken, haben teilweise eine mentale und emotionale Distanz zum eigenen Körper und neigen aufgrund von Überforderung zu sozialer Isolation.
Höhere Intelligenz wiederum kann eine Art “Verstärker”, bei Essstörungen, vor allem bei Bulimie, sein. Sie führt zu verstärktem Grübeln, häufigen inneren Verhandlungen wie “Ab morgen…”), der Fähigkeit, Symptome zu verbergen und im Alltag unauffällig zu funktionieren, usw.
Normal unnormal
Meine beispielhafte Aufzählung ist weder vollzählig, noch reicht sie für eine (Selbst)Diagnose aus. Doch ich denke, dass sich viele MindMates – so wie ich – in einigen dieser Punkte wiedererkennen.
Und falls du das Bedürfnis nach mehr Klarheit und Sicherheit hast, dann kannst du dich selbstverständlich diesbezüglich diagnostizieren bzw. testen und eventuell auch behandeln lassen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass weder überdurchschnittliche Intelligenz noch Hochsensibilität als Krankheit oder Störung bezeichnet werden.
Doch unabhängig davon geht es mir um die Erkenntnis, dass Menschen grundsätzlich weniger “normal” – also der Norm entsprechend – sind, als wir häufig denken. Wir sind nicht anders – im Sinne von falscher oder schlechter – als alle anderen. Denn diese homogene Masse “der anderen” gibt es nicht.
Nach heutigem Stand der Wissenschaft spielen die Gene sowohl bei Autismus als auch bei AD(H)S eine entscheidende Rolle. Auch ist Intelligenz genetisch stark beeinflusst, entsteht aber grundsätzlich aus dem Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt.
Und Hochsensibilität ist ein Temperamentsmerkmal oder ein Persönlichkeitszug, der ebenfalls auf eine “biologische Grundausstattung”, nämlich auf eine angeborene erhöhte Empfindsamkeit des Nervensystems, zurückzuführen ist.
Grundsätzlich stelle ich mir an dieser Stelle die epigenetische Frage, inwieweit (meine) Gene durch Umwelteinflüsse, also durch Erfahrungen wie frühkindliches Trauma, beeinträchtigt wurden. So ist beispielsweise davon auszugehen, dass ich mit denselben Genen und anderen Erfahrungen eine andere Persönlichkeit, also ein anderes Denken, Fühlen und Handeln, entwickelt hätte.
Fakt ist doch, dass so Vieles eine Rolle spielen kann und dass das Zusammenspiel unserer Biologie und Erfahrung enorm komplex und sehr individuell ist.
Was genau ist es also, dieses Normal?
Unschuldig
Fassen wir doch jetzt mal vereinfacht zusammen:
Ich kann nichts für meine biologische Grundausstattung. Genauso wenig kann ich für meine Erfahrungen, die ich als Kind und Jugendliche in Familien-, Bildungs-, Glaubens- und Gesellschaftssystemen gemacht habe. Denn ich war diesen Systemen ausgesetzt und konnte mich ihnen nicht entziehen.
Wie also soll ich schuld daran sein, dass ich essgestört wurde?
Warum soll ich mich für etwas schämen, das ich nicht verursacht habe, worunter ich aber litt?
Das Essen war beispielsweise eine Möglichkeit, die mentale Überforderung kurzfristig zu betäuben. Auch hat es dazu gedient, mein überfordertes Nervensystem für einen Moment zu beruhigen und somit die bitter nötige Entspannung herbeizuführen. Das Hungern gab mir die Illusion der Kontrollierbarkeit und Vorhersehbarkeit. Das Kotzen hat Sekundenbruchteile dafür gesorgt, den inneren Druck auszugleichen, damit ich nicht vollständig überkochte. Und so weiter.
Die Essstörung war (m)eine kurzfristige Überlebensstrategie, die mir langfristig das Leben schwerer gemacht hat. Im Kern deshalb, weil sie die Grundannahme des Falsch-, Anders-, und Nicht-gut-genug-Seins, genährt hat.
(Ohn)mächtig
All das galt es nicht nur (bio)logisch zu begreifen, sondern tatsächlich zu verinnerlichen. Anders gesagt: Mein Kopf versteht es, mein Körper weiß es.
Und mein Körper ist auch der Schlüssel dafür, nicht in der Opferrolle stecken zu bleiben. Viele der Dinge, die ich heute regelmäßig mache, mache ich, um meiner biologischen Grundausstattung zu entsprechen, damit ich sie zu meinem Vorteil nutzen kann.
Ich drücke mich körperlich und kreativ aus, um mich gesund abzulenken, mein Nervensystem zu beruhigen, entspannter mit der Nichtkontrollierbarkeit des Lebens umgehen zu können und um Druck abzubauen oder auszugleichen.
Diese Dinge tun mir gut, machen mir Spaß und erfüllen mich. Anders gesagt: Sie nähren mich. Sie sind kein “Ich muss das tun, weil ich so schwach, krank, oder falsch bin.” Sie sind ein “Ich kann und will das tun!” Denn sie machen mir täglich erlebbar, dass ich nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert bin.
Und sie ermöglichen mir auch, die positiven Aspekte meiner biologischen Grundausstattung und meiner (System)Erfahrungen zu nutzen. Die Hochsensibilität ermöglicht es mir beispielsweise, andere Menschen regelrecht zu durchschauen, sie zu lesen. Meinem AD(H)S-Gehirn gehen niemals die Ideen aus und ich kann hyperfokussiert sein. Meine autistische Neigung zu sozialer Isolation verschafft mir Zeit für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Und meine überdurchschnittliche Intelligenz ermöglicht es mir häufig, vorausschauender, schneller und komplexer denken zu können.
Und nochmal: Weder bezeichne ich mich als – noch bin ich diagnostiziert oder getestet auf – AD(H)S, Autismus, Hochintelligenz oder -sensibilität. Sondern ich erkenne lediglich diverse (An)Teile an und in mir, die einem gewissen Label zugeordnet werden könnten und die ich zu akzeptieren und nutzen gelernt habe. Und die mir geholfen haben, (mich) (bio)logisch besser zu verstehen.
Das ist es doch, worum es letztendlich geht und was mentale und emotionale Unabhängigkeit definiert:
Uns so anzunehmen, wie wir sind, uns das zu geben, was wir tatsächlich brauchen, um weitestgehend das tun zu können, was wir wirklich wollen.
Mind your diversities.
MindMuse Simone
(M)ein Perspektivwechsel auf psychosomatische Erkrankungen & Co.




