Die sechsundfünfzigste Geschichte (d)einer Essstörung
Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:
Wie ich mich fühle? Ganz ehrlich?
Einsam.
Es ist seltsam, aber auch wenn ich unter Menschen bin fühle ich mich allein. Ich habe das Gefühl, dass mich niemand wirklich kennt, dass mich niemand wirklich versteht. Die Bulimie und ich haben unser Geheimnis. Sie ist da, wenn ER es nicht ist. Sie ist da, wenn scheinbar niemand da ist.
Ich bin die Zuhörerin meiner Freundinnen, bei jedem kleinsten ihrer Probleme. Aber wer ist meine Zuhörerin? Wer hört mir zu? Wer hört meine Hilfeschreie, auch wenn sie noch so leise sind?
Essen und Kotzen. Die Probleme wegessen und den Frust wegkotzen. Danach geht es mir besser. Warum sieht niemand wie es mir geht? Warum sieht niemand dass dieses perfekte Leben alles andere als perfekt ist?
Ich hasse diese Gesellschaft. Ich hasse dieses Schönheitsideal. Wann sieht die Gesellschaft, wie sie selbst daran zu Grunde geht? Was muss passieren, damit mich endlich jemand sieht? Mich endlich jemand hört, versteht und sich meiner annimmt?
Mit jedem Schritt den ich mache, denke ich an die Makel meines Körpers. Meine makelhafte Figur, sonst mache ich doch alles so perfekt. Wieso das mit meiner Figur nicht? In vier Tagen geht’s in den Urlaub. Aber ich kann mich nicht freuen.
Ich habe Angst. Angst vor dem Strand. Angst vor dem Bikini. Angst vor den Männern. Angst vor den Mädels. Ich fühle mich wie eine Seekuh. In jedem Spiegel betrachte ich meinen Bauch und meine Beine. Mein Schultern, meine Backen. Selbst die Fenster reflektieren meine moppelige Figur spöttisch neben den perfekten Figuren meiner Freundinnen.
Ich schäme mich vor IHM. Ich schäme mich, mich auszuziehen. Würde am liebsten einfach immer das Licht auslassen, damit er mich nicht sieht. Ich habe Angst vor dem Sommer. Ich habe Angst vor dem Frühling. Ich habe Angst vor kurzen Hosen, allgemein vor Hosen. Das Freibad und der See werden auch dieses Jahr wieder von mir boykottiert werden. Ich habe solche Angst vor dem Urlaub. Ich habe Angst mich zu zeigen. Im Bikini, fast nackt. Keine retuschierenden Kleidchen oder Tops.
Bald haben wir unser einjähriges, die Bulimie und ich. Wie wir es feiern wird sie mir schon noch zeigen. Die Katerkopfschmerzen schenkt sie mir jeden Morgen aufs Neue. Meine Zähne werden gelb und dünn. Die Tage schlechter, doch keiner scheint es zu bemerken. Jeder sieht nur, was er sehen möchte. Das perfekte Leben. Mein perfektes Leben.
Ich würde so gerne schreien, alles rauslassen. Meinen ständigen Perfektionismus von einer Klippe schubsen. Am besten die Bulimie gleich hinterher. Doch wer bleibt mir dann noch? Ich werde sie nicht los, ich brauche sie. Sie gehört zu meinem Leben, meinem Alltag, zu mir. Ich hasse sie, aber ich kann nicht mehr ohne sie. Ich habe Angst.
Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?
Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!
Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.