Die einundsechzigste Geschichte (d)einer Essstörung
Eine weitere mutige Frau, die ihre Geschichte mit uns teilt:
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Mittlerweile bin ich 26 Jahre alt und seit Jahren drängelt sich so vieles in meine Psyche und will da einfach nicht mehr raus.
Mit 16 Jahren bin ich zu einer Therapeutin gegangen und schon da hat sie festgestellt, dass das Essen nicht so läuft, wie es laufen sollte.
So richtig schlimm wurde es aber erst als ich 20/21 Jahre alt war. Ich hatte ein Ziel: 45 kg. Ich habe aufgehört zu essen. Es wurde immer weniger. Essen schmiss ich weg oder erbrach es. Mit 42 kg kam ich dann in eine Klinik und blieb dort fast 6 Monate. Ob es mir half? Ja. Ich hab wieder ein bisschen mehr zu mir gefunden.
Zuhause nahm ich dann zu bis auf 58 kg. Auf einmal gingen in meinem Kopf die Alarmglocken: “Scheiße, bald 60 kg.” Ich fing wieder an, weniger zu essen und zu erbrechen. Da ich dann sogar alleine wohnte, machte es mir das möglich, dass ich nichts mehr aß. Selbst den Tee erbrach ich, weil ich Angst hatte, zuzunehmen. Ich steckte wieder voll in der Magersucht/Bulimie drin.
Damals war ich 23 Jahre alt. Eigentlich ein Moment in dem man sein Leben genießt, feiern geht und vielleicht sogar einen Partner findet. Aber was tat ich? Ich versank in Selbsthass und redete mir ein, fett zu sein. So gelangte ich zu einem neuen Tiefpunkt. Ich hungert mich herunter auf 32 kg. Das bei einer Größe von 172 cm. Ich musste zum Arzt, weil es mir nicht gut ging und ich zusammengebrochen war. Ich konnte nicht mehr stehen und mir fielen die Haare aus.
Und dann kam die schreckliche Nachricht. “Wenn du jetzt nichts änderst lebst du Montag nicht mehr.” Mir wurde ein Stein vor die Stirn gehauen. Ich taumelte in Gedanken: “Sterben? Will ich nicht. Ich will meine Tiere und meine Schwester nicht alleine lassen.” Also ging ich für ein paar Tage ins Krankenhaus um das Schlimmste hinzukriegen und entwickelte dann mt einer Freundin einen Essplan. Mir waren die Kalorien plötzlich egal. Einfach alles, bloß nicht sterben. Aber in eine Klinik wollte ich partout nicht.
Habe es aber mit Hilfe dieser Freundin erst mal raus geschafft. Als ich wieder auf der sicheren Seite war, probierte ich viele Ernährungsweisen aus: Vegetarisch, Vegan, nahm zu. Viel zu viel. Hilfe!
Und wieder ging es los. Mein Freund machte mit mir Schluss und dann dieses Gewicht. Ich konnte mich nicht disziplinieren, aß und aß…
Dann rutschte ich in die Bulimie, Hungern oder Essen und Erbrechen, eins von beidem. Immer mal wieder. Mittlerweile liege ich bei 60 kg. und bin in einer Klinik, weil ich nicht weiter in alles rein rutschen wollte. Nochmal überlebe ich dies nicht. Diese Krankheit endet tödlich und ich möchte das nicht. Also Klinik. Ich bin mitten im Kampf, habe so viel verloren durch die Krankheit. Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder bekommen kann, habe kaputte Knochen, Gelenkschmerzen, nicht genügend “Speicher im Gehirn”, vergesse Vieles, alles durch diese Krankheit entstanden.
Ist dass das Leben, das man sich wünscht? Ständig am Zittern und Frieren, keine Lebensfreude mehr, kein Mut, dem Sterben so nah? Wollen wir das?
Ich jedenfalls nicht.
Ich will lachen, leben und lieben. Ich will mich mit meinen Freunden treffen und die Nächte durchmachen. Ich will endlich wieder positiv durchs Leben gehen, will das hinter mir lassen.
Aber der Weg dahin ist noch sehr anstrengend, holprig und weit, aber ich hoffe, ich schaffe es!
Wo findest du dich in dieser Geschichte wieder und was nimmst du daraus mit?
Das Aufschreiben und Veröffentlichen deiner eigenen Geschichte hilft dir und anderen!
Schicke mir die Geschichte deiner Essstörung an info@lebenshungrig.de, ich veröffentliche sie anonym.
lebenshungrige Grüße
Simone