Soziale Medien: Wie Essstörungen durch soziale Netzwerke „gefüttert“ werden

Ein Leben ohne Soziale Medien ist mittlerweile für die meisten von uns undenkbar. Ich erinnere mich noch, als ich im Juli 2008 meinen ersten Twitter-Account eingerichtet habe. Alles war nur in Englisch und meine Timeline sah stundenlang gleich aus… heute unvorstellbar!

Spätestens seit die Nutzung von Social Media eine Möglichkeit geworden ist, ein „Internetstar“ zu werden und Geld damit zu verdienen, ist ein Großteil der unschuldigen „Geselligkeit“, für die das „Social“ in Social Media auch steht, verloren gegangen.

Soziale Medien verkaufen (Alp)Träume

Sämtliche Soziale Medien werden heute (auch) als Marketinginstrument eingesetzt. Und das finde ich durchaus in Ordnung. Nur ist es uns in den Sozialen Medien oft nicht bewusst, dass es sich letztlich um Werbung handelt. Und Werbung und Realität haben oft wenig gemeinsam. Und nicht nur diejenigen, die Soziale Medien professionell nutzen, machen Werbung…

Während uns mittlerweile zumindest in der Theorie bewusst ist, das die Frauen, denen wir in Frauenzeitschriften begegnen, zum einen Models sind und zum anderen von Profis gestylt, geschminkt und am PC nachbearbeitet wurden, scheinen die Social Media Stars echter. Aber sind sie es tatsächlich? Einige sicher schon.

Aber viele derjenigen, die die „klassischen Mädchen- und Frauenthemen“ wie Beauty, Fashion, Lifestyle und Fitness beackern, sind es nicht. Und das kann fatale Folgen haben. Für den Social Media Star und für dessen Fans.

Wenn uns beispielsweise ein junges Mädchen via YouTube daran teilhaben lässt, wie sie sich von komplett ungeschminkt in komplett geschminkt verwandelt – und sie ist zu Beginn tatsächlich ungeschminkt – okay.

Wenn uns aber jemand via Instagram ständig seinen perfekten Körper vorführt und sein perfektes Essen zeigt, und einfach alles ach so perfekt und dabei noch ganz leicht scheint – verunsichert das „Normalos“ genau so, wie es das ach so glamouröse Leben eines Hollywoodstars tut.

Dass das Leben im Schatten der Traumfabrik nicht kostenlos zu haben ist, wissen wir durch all die Abstürze und Probleme der Stars. Auf ihnen lastet ein immenser Druck, vor allem auf den Frauen. Sie versuchen, um jeden Preis dünn und jung auszusehen. Als beispielsweise Gwyneth Paltrow in 2013 zur „schönsten Frau der Welt“ gekürt wurde, fand sie das zwar toll, sagte aber auch: „Wir alle haben Probleme mit unserem Körper. Ich trainiere von Montag bis Freitag. Es ist ein Alptraum. Manchmal kommen mir die Tränen.“

Und auch die ersten Social Media Stars halten der Illusion die sie verkaufen und dem Druck, der daraus entsteht nicht mehr stand. So outete sich kürzlich ein britischer Social Media Fitness-Star als  essgestört und berichtet von Likes als „virtuellem Applaus“. Und ein australischer Beauty-Guru löschte einen Großteil des Contents und verriet, wie aufwendig die kontinuierliche Selfie-Produktion ist und dass sie – ab einer gewissen Followerzahl – sehr gut für das Tragen bestimmter Kleidungsstücke bezahlt wurde.

Wir sind Social Media

Ich könnten jetzt Soziale Medien verteufeln. Mache ich aber nicht! Denn wir alle haben doch selbst in der Hand, was wir via Social Media produzieren und konsumieren. Soziale Medien bietet uns die Möglichkeit des Dialogs. Während ich mich den Inhalten einer Frauenzeitschrift nur verweigern kann, in dem ich sie nicht kaufe bzw. lese, kann ich via Social Media direkt reagieren. Ich kann kommentieren, posten, sharen, liken,… Und ich kann auf meinen eigenen Social Media Kanälen die Inhalte bringen, dich ich für wichtig erachte. Wir alle können dem Schönheits- und Schlankheitswahn via Soziale Medien etwas entgegensetzen beziehungsweise auf dessen Auswirkungen aufmerksam machen.

Soziale Medien haben die Welt kleiner gemacht

Durch Soziale Medien können wir heute nahezu in Echtzeit mitbekommen, was am anderen Ende der Welt geschieht. Egal, ob es sich dabei um den Klatsch über einen Celebrity, das Beauty Tutorial einer YouTuberin oder um eine Umweltkatastrophe handelt. Alle Nachrichten die wir konsumieren, wirken sich auf uns aus.

Und da ich weder abstumpfen möchte, noch alles ungefiltert aufnehmen mag, verbringe ich wenig Zeit mit Social Media und konsumiere nach bestimmten Kriterien:

Handelt es sich um Informationen, die mich interessieren? Lerne ich dadurch etwas, was ich lernen will?

Handelt es sich um Informationen, die mich inspirieren? Fühle ich mich dadurch besser und motiviert es mich?

Handelt es sich um Informationen, die mich unterhalten? Kann ich herzlich darüber lachen?

Alles andere konsumiere ich weder via Soziale Medien noch durch die klassischen Medien. Ich lese keine Tageszeitung und schaue selten Nachrichten. Ich übe mich bewusst in selektiver Ignoranz um mich auf meine wesentlichen Themen konzentrieren zu können.

Soziale Medien vs. Real Life?

Wie stelle ich mich selbst in Social Media dar? Hast du dir diese Frage schon mal gestellt? Und entspricht dein Social Media Life deinem Real Life? Ich glaube, dass das der springende Punkt ist. Die beiden oben genannten Instagram Stars haben zwar via Social Media erfolgreich ein Illusion von sich verkauft, doch sie selbst wussten, dass dieses Soziale Medien Bild nicht der Realität entspricht.

Ihnen ist bewusst, dass sie tagelang vor einem scheinbar harmlosen Bikini-Selfie, der wie „mal eben nebenbei geschossen“ aussieht, kaum etwas essen, dass es hundert Versuche gebraucht hat um ihn zu shooten und dass er via App perfektioniert ist. Sie wissen, was es kostet, einen solchen makellos trainierten Körper zu haben. Denn sie haben den Preis gezahlt. Und dieses Wissen um die Diskrepanz ihres Social Media Lifes und ihres Real Lifes hat dazu beigetragen, dass sie krank und unglücklich wurden.

Die Australierin fordert mittlerweile, ein neues Soziales Netzwerk, in dem es nicht hauptsächlich um Follower, Likes, Shares etc. geht. Ist das tatsächlich nötig und wie soll das gehen? Das klingt ein bisschen so, als wäre beispielsweise ein Leben ohne Essstörungen nur in einer Gesellschaft möglich, in der kein Schönheits- und Schlankheitswahn herrscht. Natürlich wäre eine solche Gesellschaft ideal, aber wer will schon warten, bis sie eventuell real wird?

Jede einzelne von uns hat es in der Hand, Soziale Medien realer zu machen. Die Anzahl unserer Facebook-Freunde sagt nichts darüber aus, wie einsam wir tatsächlich sind. Und auch wenn wir noch so viele Likes für einen geschönten Selfie bekommen, vermitteln wir uns dadurch selbst, dass wir real nicht gut genug sind.

Den beiden Social Media Stars scheint ihr Outing nicht geschadet zu haben. Im Gegenteil. Sie haben für ihren mutigen Schritt noch mehr Aufmerksamkeit erhalten. Vielleicht, weil wir alle in uns den Wunsch haben, die zu sein, dir wir tatsächlich sind.

Die echten Stars sind die, die echt sind!

Was konsumierst du via Soziale Medien und welche Wirkung hat der Content auf dich?

lebenshungrige Grüße

Simone