Emotionen zum Kochen bringen? Weiterscrollen!

Ich sitze am Computer und öffne Facebook.

Ein Post über die „Cornell 7“ erscheint. Dabei handelt es sich um Studenten einer Bruderschaft, die eine Kommilitonin unter Drogen gesetzt und dann in einem Gruppenchat als „Free Pussy“ offeriert haben sollen. Sieben Studenten haben die wehrlose junge Frau mutmaßlich sexuell missbraucht, weitere 50 waren angeblich in der Gruppe und wussten darüber Bescheid. Keiner hat ihr geholfen oder Hilfe geholt. Nicht ein einziger.

Als die Studentin sich an Verantwortliche der Universität in Ithaca (USA) wendet und darum bittet, ihre Studiengebühren erstattet zu bekommen, um die Uni wechseln zu können, wurde ihr das laut eigener Aussage verwehrt. Die Strafe der Täter soll lediglich darin bestanden haben, irgendeinen Essay schreiben zu müssen. Letzteres bestreitet die Uni mittlerweile.

Immer wieder taucht folgendes Argument auf: Man(n) wolle den jungen Männern ja nicht die Zukunft verbauen. „Ihr Arschlöcher“, denke ich, „was ist denn mit ihrer Zukunft und vor allem mit ihrer Gegenwart?“ Wut kocht in mir hoch. Mein Herz schlägt lauter und schneller.

„Wie gut, dass diese eine Reporterin der Uni-Zeitung nicht locker gelassen hat!“, denke ich weiter. Dank ihr ist der Fall jetzt in der Öffentlichkeit und die Namen der mutmaßlichen Täter und der Verantwortlichen an der Universität sind veröffentlicht.

Jetzt muss man(n) sich um „den Vorfall“ kümmern.

Als ich vor einigen Tagen den ersten Post darüber las, war ich so empört, dass ich ihn geliked habe. Das verkneife ich mir normalerweise.

Denn ich weiß, was der Meta-Algorithmus damit macht. Er gibt mir mehr davon.

Mehr Empörung.

Ich ärgere mich über meinen Like.

Ungefähr jeder vierte Beitrag in meiner Timeline handelt aktuell von Cornell.

Und dann die Kommentare: Warum ist sie auch dorthin gegangen? Was hatte sie an? Was hat sie freiwillig genommen/getrunken? Wie heißt sie?

Das ist nicht gut für meine Nerven.

„Ihr Schweine“, denke ich zähneknirschend. „Das ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr.“

Ob ich mir ein T-Shirt mit „Jane Doe“ bedrucken sollte?

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Ein Post von einer dieser esoterischen Coaching-Anbieterinnen mit spirituellem Yogi-Zweitnamen taucht auf. Boah, die kann ich auch nicht mehr ertragen. Dieses Geschwafel von den „Energien der neuen Zeit“ und so.

Und ständig diese „Bei-mir-ist-immer-alles-ganz-toll-Selfies“, über denen ein Glitter-Filter klebt. Zum Kotzen, dieser als Hilfe getarnte Egotrip.

„Na, na“, sagt eine Stimme in mir. „Jetzt übertreibst du aber, oder? So ein bisschen warst du doch selbst mal auf diesem Trip.“

Autsch! Die kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.

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Ein Video von Cindy Crawford, in dem sie angeblich über den Tod ihres Sohnes spricht, erscheint. „Das ist definitiv nicht Cindy Crawford, das ist KI-generiert“, stelle ich fest und öffne die Kommentare.

Offensichtlich sind viele darauf hereingefallen. Es gibt Beileidsbekundungen, Besserwisserei und Bewertungen, was das Zeug hält. Nur hier und da erscheint mal ein kurzes „AI.“

„Meine Fresse, warum sind die Leute denn so erschreckend leicht zu verarschen?“ frage ich mich mit einer Mischung aus Verzweiflung, Arroganz und Unverständnis.

Mal wieder wird mir bewusst, wie gefährlich das jenseits von Klatsch und Tratsch ist. Und dann noch diese Bots…

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Ein Zitat von Julia Cameron: „Writing by hand is grounding us.“

Ja, ich weiß.

Predige ich schließlich selbst ständig.

Will ich aber jetzt gerade gar nicht hören.

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Ach, da ist mal wieder ein Beitrag der Plattform, die rechtsradikale Beiträge und ihre Verfasser outet und kommentiert.

„Immer wieder erstaunlich, dass es zu ungesund großem Vaterlandsstolz dazuzugehören scheint, seine Muttersprache nicht zu beherrschen“, stelle ich fest. Und: „Blöd, wenn man(n) nicht weiß, wie blöd man(n) ist“, denke ich selbstgefällig weiter.

„Na, na“, sagt diese Stimme in mir schon wieder. Dieses Mal mit erhobenem Zeigefinger.

Ich verdrehe die Augen.

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Ein Foto mit Collagen eines Künstlers, dessen Arbeiten ich sehr mag. Vor allem deshalb, weil sie viel freien Raum beinhalten.

Schön!

„Schön“ will ich aber gerade nicht.

„Freiraum“ scheinbar auch nicht.

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Ein Post über Donald Trump. Im Augenwinkel lese ich „Epstein Files“.

Mein Nervensystem reagiert effizient wie ein Induktionsherd: Jetzt koche ich wirklich!

„Es reicht!“, sagt die Stimme in mir bestimmt.

Dieses Mal bin ich erleichtert, sie zu hören.

Ich schließe Facebook.

Gut, dass ich die App schon lange nicht mehr auf dem Handy habe.

Doch wann lösche ich meinen Account endlich?

 

Mind the (self)manipulation.

SiMone