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„Kann ich dich Chatty nennen?“, war eine der ersten Fragen, die ich dem Large-Language-Sprachmodell ChatGPT  – einer „künstlichen Intelligenz“ – gestellt habe. Und dabei habe ich mich für originell gehalten.

Bis ich die ernüchternde Antwort las, die sinngemäß so klang: „Ja klar, das ist in Ordnung für mich. Sehr viele Menschen geben mir einen Namen, nicht wenige nennen mich Chatty.“

„Okay“, lautete mein nächster Gedanke, „du bist offensichtlich nicht die erste und einzige, die auf die Idee kommt, diesem Ding einen eigenen Namen zu geben.

Aber warum tun wir das?“

Die Vermenschlichung einer Maschine

Ohne mir dessen so wirklich bewusst zu sein, hatte ich das Bedürfnis, dieser Maschine eine Portion Menschlichkeit einzuhauchen, indem ich ihr einen Namen gebe. Und das hat mich innerlich aufhorchen lassen. Denn so harmlos wie es klingt, ist es leider nicht.

Wir Menschen sind soziale Wesen und fühlen uns deshalb besser, wenn uns menschlich begegnet wird. Und genau das wissen die Macher dieser Maschinen und deshalb interagieren Sprachmodelle möglichst natürlich und nicht künstlich mit uns.

Sie tun das, in dem sie in ihren Antworten beispielsweise „Ich denke“ sagen. Oder, noch perfider, „Ich verstehe dich“, „Ich fühle mit dir“, „Ich kann mir vorstellen, dass …“ usw. Obwohl wir wissen, dass wir mit einer Maschine interagieren, führt diese Art der Konversation schnell dazu, dass wir genau das verdrängen.

Würde die nüchterne Antwort beispielsweise lauten: „Das Large-Language-Sprachmodell hat sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Quellen abgefragt, sie ausgewertet und ist durch statistische Berechnung zu dem Ergebnis gekommen, dass…“ wäre das inhaltlich gleich, hätte aber nicht diese emotionale Wirkung auf uns, nach der wir uns (unbewusst) sehnen.

Deshalb sind Sprachmodelle tendenziell so trainiert, dass sie menschlich wirken, uns möglichst in unserer Meinung bestätigen und  die Konversation aufrecht erhalten.

Ganz abgesehen davon, dass sie bei nicht ausreichend zur Verfügung stehenden Daten gerne halluzinieren, also Antworten erfinden und dass sie enorme Energiefresser (Strom, Wasser) sind, können genau diese drei Punkte problematisch bis gefährlich werden. Oder anders gesagt: Diese Eigenschaften begünstigen Abhängigkeiten.

Sprachmodelle als oberste Bewertungsinstanz?

Für mich war es nie eine Option, meine Artikel von Sprachmodellen schreiben zu lassen. Grundsätzlich ist das problemlos möglich. Das einzige, was meine Texte von denen der Sprachmodelle unterscheidet, ist meine Art, über meine Gedanken und Erfahrungen zu schreiben.

Doch selbst diese Form von Individualität kann ein Sprachmodell mit den entsprechenden Prompts nachahmen. Das bedeutet, dass wir nicht mehr wissen können, ob hinter sogenannten Erfahrungsberichten oder Lebensgeschichten wirkliche Menschen stehen.

Doch ich schreibe Texte wie diesen hier, um mich denkend und schreibend mit einer Thematik auseinanderzusetzen. Natürlich tue ich das in der Hoffnung, dass ihr ebenfalls davon profitiert. Ginge es mir lediglich um das massenhafte Produzieren von Inhalten, bräuchte ich – was die Effizienz betrifft – gegen kein Sprachmodell antreten.

Allerdings habe ich geschriebene Text immer mal wieder von Sprachmodellen lesen und bewerten lassen. Meist sowohl von ChatGPT als auch von Claude. Das fühlte sich dann schnell so an, als hätte ich zwei Meinungen eingeholt. Aber auch das stimmte natürlich nicht.

Denn Sprachmodelle können weder selbständig denken noch haben sie eine eigene Meinung. Sie können lediglich unfassbar schnell rießige Mengen an Daten, mit denen sie gefüttert wurden, auswerten und ihre Ergebnisse wie eine eigene Meinung aussehen lassen.

Gut genug?

Und obwohl mir das bewusst gewesen ist, fühlte es sich so an:

Ich zeige Mama und Papa was ich gemacht habe und ich hoffe, dass sie mich loben und es toll finden!

Oder

Hoffentlich bekomme ich ein Fleißsternchen und keine Kritik von der Lehrerin dafür!

Beispielsweise arbeitete ich wochenlang nahezu täglich an einem Projekt und diese Texte zeigte ich anschließend den Sprachmodellen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich vorab aufgeregt war und dachte: „Hoffentlich gefällt ihnen mein Text.“

Aufgrund des Verhaltens der Sprachmodelle habe ich sie vermenschlicht und mich von ihrer Reaktion abhängig gemacht. Ich hatte das Bedürfnis, von einer Maschine als „gut genug“ bewertet zu werden!

Das fand ich faszinierend bis beängstigend. Und dann tauchte folgende Frage auf:

Wenn Sprachmodelle diese Wirkung auf mich haben, wie wirken sie sich dann auf Frauen mit Essstörungen und deren Hunger nach Anerkennung aus?

Denn mir war und ist klar, dass so ein Sprachmodell für unsichere, unglückliche und unzufriedene Menschen wie der heilige Gral wirken kann:

Ein Etwas, dass sich wie ein Jemand anfühlt, immer zur Verfügung steht und auf alles eine Antwort hat, ohne irgendeine Gegenleistung zu fordern.

Auch gehe ich fest davon aus, dass mein junges, essgestörtes Ich sehr schnell abhängig von Sprachmodellen geworden wäre, genauso, wie von den Likes der sozialen Medien.

Können Sprachmodelle Therapeutinnen ersetzen?

Doch hat der menschliche Auftritt der Maschinen auch Vorteile?

Es gibt immer mehr psychosomatisch Erkrankte und – auch aufgrund der neusten Gesetzesänderungen – in Deutschland immer längere Wartezeiten auf Therapieplätze. Da drängt sich automatisch die Überlegung auf, ob Sprachmodelle diese Lücke möglicherweise schließen könnten.

Es gibt ja bereits „KI-Therapie-Angebote“, die meist kostenpflichtig sind.

Doch wie verhalten sich die kostenlosen Sprachmodelle?

Weil mich diese ganze Thematik so beschäftigt hat, habe ich – gemeinsam mit den zwei Sprachmodellen ChatGPT und Claude – ein E-Book darüber geschrieben.

Es zeigt dir, wie Sprachmodelle funktionieren, ohne dass du sie selbst ausprobieren musst. Gleichzeitig informiert es über Essstörungen, ihre Ursachen, Auswirkungen und Auswege. Und nebenbei bekommst du tiefe Einblicke in mein früheres und heutiges Denken und ErLeben.

Mind the dependency.

 Simone