Aufgewärmtes, das ich zum Kotzen finde:
Heroin Chic und Thinspiration

Krank und heruntergehungert auszusehen, ist mal wieder angesagt.

So richtig offen propagiert das natürlich niemand.

Das ist auch nicht nötig. Bilder zeigen es. Influencer predigen es.

Zwar haben die Hashtags gewechselt.

Denn die Plattformbetreiber sind ja ach so verantwortungsbewusst.

Doch das Sperren und Verbieten bestimmter Begriffe verlagert lediglich das Problem.

Und die Botschaft lautet wie eh und je:

Es ist nicht so leicht, so richtig leicht zu sein.

Bekämpfe deshalb deinen Körper mit deinem Kopf.

Sei diszipliniert. Sei hart, noch härter!

Weil ich es kann, kannst du es auch.

Lass mich deine Thinspiration sein.

Like me. Share me. Watch me. Listen to me. Buy me.

Verschlinge mich mit deinen hungrigen Augen.

Falls du den Kampf verlierst, bist du eine willensschwache Loserin.

Selbst schuld. Nicht gut genug. Falsch. Schäm‘ dich!

Daran erinnere ich dich gerne, durch meine obszessive Selbstdarstellung.


Und wenn du den Kampf gewinnst, bist du übrigens essgestört.

Doch das sagt natürlich niemand.

Geht auch gar nicht, denn unappetitliche Begriffe sind ja – Plattformbetreiber sei dank – auf Diät.


Zwanghafte Besessenheit, die sich als Disziplin und Gesundheitsbewusstsein tarnt.

Girl-Boss-Bitchige-Frauenpower der Powerfrauen.

Wer zu viel hinterfragt oder kritisiert, ist neidisch und wird blockiert.

Zu all den Evergreens wie Hungern, Erbrechen, exzessivem Sporttreiben, Abführmitteln, Appetitzüglern, Operationen und Co. sind jetzt die Abnehmespritzen hinzugekommen.

Dünnsein durch die Nadel. Muskelschwund inklusive. Heroin Chic Light.


Ein aufgewärmter Trend, der erst dann einen Kipppunkt erreicht, wenn er genügend Schaden angerichtet hat.

Dann kommt vielleicht mal wieder ein Aufschrei.

Und mehr Body Positivity.

War das nicht schön, als plötzlich jede schön sein konnte?

Der heilige Gral der ewigen Selbstliebe schien zum Greifen nahe.

Auch extremes Übergewicht konnte mit Genuss gerechtfertigt werden.

Binge Eating unbeschwert: Alles in sich reinfressen? Alles gut.

Selbstbetrug hat mehrere Gewichtsklassen.


Doch sind plötzlich alle schön, ist niemand mehr besonders.

Inklusion frisst Exklusivität.

Also zurück zum altbewährten Skinny-Size-Zero-Look.

Leichtsein ist schwerer als schwer sein.

Bis schwerer werden unmöglich wird.


Was zunimmt, ist das Leid, sind die Krankheiten und ungelebten Leben.

Erschaffen durch unrealistische Erwartungen.

Genährt von dem unersättlichen Hunger nach Anerkennung.

Aufrechterhalten durch Systeme, die davon profitieren.

Hungern am gedeckten Tisch:

Eine Mutter, die seit fünf Jahren eine Geburtstagstorte backt, auf die ihre Tochter zwar besteht, die sie aber nicht anrührt.

 

Mind the influence.

Simone