Sind deine Gefühle falsch?

Liebe MindMate, gibt es so etwas wie falsche Gefühle?

Kürzlich war eine MindMate zu einem MIP-Tag in Marburg.

Und sie tat das, was erfahrungsgemäß hilfreich ist: Sie reiste einen Tag vorher an, einen Tag später ab und sie kam alleine. Ich empfehle das, weil es eine positive Verstärkung der Erlebnisse des eigentlichen MIP-Tags ist.

Doch das ist für viele MindMates eine große Herausforderung: Geld in sich selbst zu investieren, Zeit in Ruhe mit sich selbst zu verbringen und dazu noch das persönliche Treffen und intensive Arbeiten mit mir.

Ich weiß wie hilfreich dieser Tag ist.

Und ich weiß auch, dass es viel Mut erfordert, sich darauf einzulassen.

Zweifelst du an deinen Gefühlen, zweifelst du an dir selbst

Doch mutig fühlte sich diese MindMate nicht wirklich. Und sie erzählte mir, was vor ihrer Abreise geschehen war. Sie teilte ihrem Umfeld mit, dass sie etwas Angst davor habe, sich alleine mit dem Auto auf den Weg zu machen. Daraufhin bot man ihr an, sie zu fahren. Das lehnte sie dankend ab. Deshalb bekam sie zu hören: „Na dann darfst du aber auch jetzt keine Angst mehr haben.“

Und schon begann diese MindMate an sich zu zweifeln und ihre Gefühle zu verdrängen. Gedanken wie: „Warum hast du Angst, du solltest keine haben“ tauchten in ihrem Kopf auf. Gedanken, die ihr den Ur-Glaubenssatz „ich bin nicht gut genug“ bestätigten.

„Wenn du dich noch mal in diese Situation zurückversetzt, was war die allererste Reaktion in deinem Körper?“ fragte ich sie. „Da war Wut“, antwortete sie zögernd. „Was ist mit dieser Wut passiert?“ forschte ich weiter. „Ich habe sie unterdrückt und weggeschoben. Ich kann doch nicht auf jemanden wütend sein, der mir gerade seine Hilfe angeboten hat.“ erklärte sie.

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut

„Okay, du sagst mir also, dass das Verhalten dieser Person hilfreich gewesen ist? Für mich wäre es hilfreich gewesen, wenn man den Mut erkannt hätte, den meine Entscheidung erfordert, trotz Angst alleine fahren zu wollen. Deshalb wäre meine erste Reaktion auch Wut und Enttäuschung gewesen wenn man von mir verlangt hätte, keine Angst mehr haben zu dürfen.

Vielleicht hätte ich die Wut und die Enttäuschung auch in Worte gefasst und meinem Gegenüber mitgeteilt, dass sein Verhalten gerade nicht hilfreich ist. Doch viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass Wut und Enttäuschung da sind und dass wir selbst Verständnis für unsere Gefühle haben.

Ob unser Gegenüber uns in solchen Fällen versteht falls wir uns mitteilen, liegt nicht in unserer Hand. Entscheidend ist dass wir selbst anerkennen, dass wir trotz unserer Angst etwas tun und zwar weil wir intuitiv wissen, dass es wichtig für uns ist.

Ich jedenfalls finde sehr mutig, was du getan hast. Wie siehst du das jetzt?“

Durch meine Spiegelung des Ereignisses konnte die MindMate ihren Gefühlen Raum geben. Die Wut und die Enttäuschung bekamen ihre Daseinsberechtigung und wurden schon nach kurzer Zeit milder. Sie machten Platz für den Mut, den sie dadurch auch sehen konnte und der sich positiver anfühlte. Ihre Erleichterung zeigte sich durch einen tiefen Seufzer und eine entspanntere Körperhaltung.

Überwältigende Gefühle sind oft körperliche Erinnerungen

Heilung findet statt, wenn wir unseren Gefühlen Raum geben und gleichzeitig erkennen, dass unser ErLeben nicht (mehr) von den Aktionen anderer Menschen abhängig ist, sondern nur von unseren Reaktionen.

Wer seinen Gefühlen nicht traut oder sie in seiner Intensität kaum aushält, hat in seiner Kindheit vermittelt bekommen, dass die eigenen Gefühle falsch sind.

Hierzu das Beispiel einer anderen MindMate. Sie erzählte mir, dass sie in ihrer Kindheit Angst vor einem Pfarrer hatte. Und als sie mit ihrer Familie eine Veranstaltung dieses Pfarrers besuchen sollte war ihre Angst so groß, dass ihre Mutter wieder mit ihr nach Hause fahren musste.

Doch anstatt das Kind zu fragen warum es Angst vor dem Pfarrer hatte, war die Mutter sehr wütend und zeigte das deutlich durch ihr Verhalten. Als die Tochter fragte: „Warum bist du denn jetzt so wütend auf mich?“ brüllte die Mutter sie an, dass sie überhaupt nicht wütend sei.

Das System reagiert falsch doch wir halten unsere Gefühle für falsch

In diesem Moment „lernte“ die Tochter, dass sie ihrer Wahrnehmung nicht trauen sollte und dass man Wut niemals zeigen und schon gar nicht zugeben darf. Sie musste das lernen um in diesem (Familien)System, von dem sie ja abhängig war, zu überleben.

Das System, repräsentiert durch ihre Mutter, durfte sie offensichtlich nicht anzweifeln und so begann sie, an sich selbst zu zweifeln. Dieses schmerzhafte Erlebnis, von denen es sicher mehrere gab, verfestigte sich als Erinnerung in ihrem Körper. Deshalb entschied sie sich unbewusst auch als Erwachsene noch immer für das System und nicht für sich selbst.

Als Kind war diese Entscheidung die einzige richtige, denn sie wollte ja innerhalb dieses Systems überleben. Doch da sie sich heute noch genau so verhält als wäre sie abhängig, bleibt sie im Überlebensmodus.

Doch im Überlebensmodus sind wir permanent nach Außen ausgerichtet und das erfordert eine Menge Energie. Um der Anstrengung zu entfliehen, kommen Kompensationsmethoden wie Essprobleme ins Spiel. Und sie helfen auch, kurzfristig Energie zu erzeugen. Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, dass alle Kompensationsmethoden ein Symptom und nicht die Ursache sind.

Gegenteiliges Verhalten, gleiches Ergebnis

Eine andere MindMate erzählte mir, dass sie in neun von zehn Fällen ihre Wut unterdrücken würde. Doch im zehnten Fall würde dann alles aus ihr herausbrechen und sie würde regelrecht ausrasten, schreien und toben. Danach habe sie dieser Person gegenüber stets ein schlechtes Gewissen. Und das führte wiederum dazu, dass sie sich erneut beherrsche.

Dieses Verhalten führt letztlich zum selben Ergebnis.

Es hält uns in der Abhängigkeit in dem wir hoffen, dass die anderen sich so verhalten, dass sie keine bestimmten Gefühle in uns auslösen. Und unsere Gefühle werden als falsch und bedrohlich erlebt und bestätigen den Ur-Glaubenssatz.

Gesünderes Verhalten fühlt sich nicht sofort besser an

Bevor wir unabhängiger werden können, müssen wir unsere Abhängigkeiten erkennen. Frage dich beispielsweise,

zu wem du nicht NEIN sagen kannst, obwohl du eigentlich NEIN sagen möchtest.

was befürchtest du, wenn du NEIN sagst, wovor hast du Angst?

woher kennst du diese Angst (vor Ablehnung) von früher?

was könnte schlimmstenfalls passieren?

und wäre das wirklich schlimmer, als ständig NEIN zu dir selbst zu sagen?

Um uns aus Abhängigkeiten zu lösen ist es entscheidend, immer wieder bewusst Zeit mit uns selbst zu verbringen. Denn nur so können wir herausfinden, wer wir tatsächlich selbst sind und was wir brauchen. Die meisten von uns wissen sehr wohl, was andere von uns wollen. Aber was brauchst du selbst?

Als ich mich mit meiner Essproblematik auseinandersetzte, schaffte ich irgendwann meinen Fernseher ab. Denn Junk Food und Trash TV gehörten für mich zusammen: Ich stopfte meinen Körper mit dem einen und meinen Kopf mit dem anderen voll um kurzfristig die negativen Gefühle nicht zu fühlen und die negativen Gedanken nicht zu denken. Doch genau damit nährte ich beides natürlich langfristig.

Da ich mir eingestanden hatte, dass ich mein Essverhalten schon lange nicht mehr unter Kontrolle hatte, schaffte ich den Fernseher ab. Das war etwas, was ich tun konnte. Doch um mich damit nicht zu betrafen beschloss ich, den wöchentlichen Kinotag zu nutzen. Ich gab mir also die Aufgabe, mir jede Woche einen Film auszusuchen und ihn alleine anzuschauen. Ich tat dies, um selbst entscheiden zu müssen, was ich wann sehen wollte.

Was denken denn die anderen (das System) über mich?

Doch anfangs fühlte sich das gar nicht gut an. Denn es gab Sätze wie diese in meinem Kopf: „Was denken die anderen Menschen im Kino über dich weil du ganz alleine hier sitzt? Sie glauben bestimmt alle, dass du ganz komisch bist und keine Freunde hast!“

Doch gerade weil ich alleine war und keine Ablenkung durch andere hatte, erkannte ich mehr und mehr, dass ich mein eigenes Denken in andere Menschen hinein interpretierte. Und ich verstand, dass ich nicht wissen konnte, was andere über mich denken. Und selbst wenn jemand genau das über mich dachte, war es in dessen Kopf und hatte keine Auswirkung auf mich. Vor allem verstand ich, dass die meisten Kinobesucher besseres zu tun hatten, als über mich nachzudenken.

Und ich konnte immer besser sehen, dass ich es war, die die Aufgabe des Systems übernommen hatte. Denn es waren meine negativen Gedanken, die negative Gefühle in mir erzeugten.

Woche für Woche fühlte ich mich besser und dachte gesünder: Ich erkannte meinen Mut, ich hatte Spaß und ich spürte immer mehr, wonach ich mich wirklich so sehr verzehrt hatte: Unabhängigkeit – emotional nicht mehr abhängig zu sein davon, was andere Menschen über mich denken könnten.

Heute liebe ich es, alleine irgendwo hin zu gehen und deshalb spontan machen zu können, was ich will. Das ist für mich der Inbegriff von Freiheit und Leichtigkeit.

Deine Gefühle spiegeln deine Gedanken

Deine Gefühle sind nicht falsch oder richtig, sie sind deine Gefühle. Sie sind eine Spiegelung deiner Gedanken im Körper. Und wenn sie sehr intensiv sind, dann sind noch viele „alte“ Gefühle dabei, die du zu lange runter geschluckt hast.

Wenn du ihnen Raum gibst und sie als Wegweiser auf deinem SelbstErlebnisWeg erkennst, werden sie sich verändern. Sind deine Gefühle sehr intensiv, mache dir immer wieder bewusst, dass du nicht deine Gefühle bist. Sondern du bist diejenige, die diese Gefühle wahrnimmt. Du bist der Himmel und deine Gefühle sind die Wolken. Sie sind mal hell und mal dunkel, mal gibt es viele, mal wenige, manchmal ziehen sie schnell vorbei und manchmal ganz langsam.

Zum Gehen des SelbstErlebnisWegs gehört es immer mal wieder, dich anders als bisher zu verhalten. Erwarte bitte nicht, dass sich das Neue gleich gut anfühlt. Denn wie meine Kino-Erfahrung zeigt, werden wir dadurch mit den Gedanken und Gefühlen konfrontiert, die wir vermeiden wollen. Doch wenn wir erleben, dass wir Gedanken und Gefühle aushalten und sie dadurch positiver werden können, wird das gesündere Verhalten immer leichter.

Wie kann dein nächster Schritt aussehen?

Mach ihn bitte so klein, dass du ihn auch gehen kannst.

Und dann gehe ihn und erkenne deinen Mut an.

Du kannst das!

Mind your emotions.

MindMuse Simone